Tipp-Ex fürs Internet?

Screenshot Tipp-Ex
Foto: S-T-U-D-E-X, GFDL

Das Netz kennt nur Kopien ohne Verfallsdatum

1454 kursierten die ersten analogen und gedruckten  Ablassbriefe in Deutschland. Dank Gutenbergs Buchdruck brauchten die Gläubigen ihren Namen nur noch auf dem dafür vorgesehenen Feld eintragen (oder eintragen lassen) und bei der nächsten Beichte abgeben. Die Sündenvergebung folgte auf dem Fuß.

557 Jahre später, wir schreiben das Jahr 2011, versuchen Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und seine Kollegin, Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), Ablassbriefe für von uns ins Netz gestellte Dokumente in Auftrag zu geben.

Das verwendete Bild des „digitalen Radiergummis“ in den Massenmedien entlarvt deutlich, wie sehr unser Denken durch fünf Jahrhunderte Buchdruck geprägt ist. Die Idee der Existenz eines Unikate in Zeiten der Druckmaschinen, Blaupausen, Fotokopierer und  Scanner scheint unauslöschlich in unserer Vorstellungswelt verankert zu sein. Anders kann ich mir das Bild des „digitalen Radiergummis“ nicht erklären. Man nehme ein Stück Papier, radiere die mittlerweile ungeliebten Fotos, Bilder oder Äußerungen aus und genieße die Sündenvergebung. Mit der digitalen Realität hat dies nichts zu tun. Gutenberg konnte seine Druckerzeugnisse  nicht ins Netz stellen.

Der Saarbrücker Informatikprofessor Michael Backes hat auf Einladung des Verbraucherschutzministeriums eine Software vorgestellt, die ins Netz geladene Bilder mit „Verfallsdatum“ versehen soll.  Hinter dem Begriff des Verfallsdatums steckt ebenfalls die Vorstellung eines Originales, das zu einem gewünschten Zeitpunkt zu digitaler Asche verfällt.

Es gibt keine Privatsphäre im Internet

Mag sein, das der Begriff „Privatsphäre“ in Zeiten der Cloud ebenfalls seine Abwrackprämie verdient. Lösungen sind nicht in Sicht, verantwortliches Umgehen mit eigenen Daten ist zeit,-lern und wissensaufwendig. Wer von der Elterngeneration keinen Bock auf Facebook hat, ist trotzdem gezwungen, seine Kinder auf die digitalen Fallstricke der Profiteure in der virtuellen mittlerweile 50 Milliarden Dollar schweren Facebook-Welt hinzuweisen und kompetente Hilfestellung im Umgang mit den digitalen Welten ohne Tipp-Ex anzubieten.

Die Entwicklung des Buchdruckes und das Papier als eine der tragenden Informationssäulen überdauerte Jahrhunderte. Digitale Produktivkräfte verkürzen die Enwicklungszyklen auf Jahrzehnte. Unsere Reaktions- und Gewöhnungszeiten  schrumpfen beängstigend.

Mich wundert nicht, dass uns deshalb moderne Ablassbriefe, heute digitale Radiergummis genannt, als entlastende Alternativen feilgeboten werden.

Trotzdem hat das Zeitalter der digitalen Vergebung noch nicht begonnen.  Schlimmer noch: Es wird nie kommen!

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