Kapitel 3 – Digitales Räderwerk

Rechenanlage UNIVAC I Factronic, Remington Rand Inc., ausgestellt im Deutschen Museum in MünchenDer Anfang des 20. Jahrhunderts sieht nicht nur die allgemeine Elektrifizierung durch Energieversorgungsunternehmen heraufziehen. Die Art der Informationsverarbeitung ändert sich ebenso radikal. 1890 werden zum ersten Mal die gesammelten Informationen der Volkszählung in den USA maschinell gespeichert und ausgewertet. Herman Hollerith hat den Lochkartenrechner erfunden.

Das Prinzip ist so einfach wie wegweisend. Eine Maschine stanzt in einen dünnen Karton Löcher. Ein Loch an einer definierten Stelle steht für die Information, das eine Familie so und soviel Kinder hat, eine andere Stelle enthält die Information, dass sie zur Miete wohnt. Ausgelesen und elektrisch gespeichert werden die Informationen, in dem die Lochkarte auf eine elektrisch geladene Platte gelegt und von dünnen Metallnadeln abgetastet wird. Trifft die Nadel ein ausgestanztes Loch, schließt sich ein Stromkreis. Die Information auf der Karte wird in ein elektrisches Signal umgewandelt und gespeichert. Das Prinzip der digitalen Verarbeitung von Informationen war geboren.

1924 gibt Hollerit seiner Firma einen neuen Namen: International Business Machines, IBM. Eisenbahnen, Versicherungen, Banken speichern und analysieren ihre Kundendaten mit Hilfe von Rechenmaschinen. Zeitgleich schließen Unternehmen Abteilungen, die für ihre Organisation der privaten Stromerzeugung zuständig waren. Diesen Job erledigen nun zentral aufgestellte Energieversorgungsunternehmen. Die Informationsverarbeitung wird nach Carr den gleichen Weg gehen. Die ersten Schritte sind vergleichbar zu denen der Stromerzeugung. Firmen bauen neue IT- Abteilungen zur Erledigung ihrer Datenverarbeitung auf.

Die Entwicklung läuft nicht linear. Den in den 40er Jahren gebauten kommerziellen Großrechnern traut niemand einen großflächigen Einsatz vor, im Gegenteil. Selbst angesehene Experten sehen nur einen weltweiten Bedarf von fünf kommerziellen Großrechnern. Der Einsatz von Lochkartenmaschinen scheint zu genügen.

Die Entwickler des UNIVAC hingegen sind anderer Meinung. Sie sehen einen wesentlich größeren Anwendungsbereich für ihren Großrechner, da dem Rechner im Gegensatz zu den fest verdrahteten Lochmaschinen unterschiedliche Arbeitsroutinen und Programme eingegeben werden können. Sie behalten Recht. Großcomputer übernehmen die Aufgaben der Lochkartenrechner. Ihre Stärke liegt in rechenintensive Arbeiten in schnell wechselnden Anwendungsbereichen. In den 50ern wandelt sich die Skepsis in einen weit verbreiteten Enthusiasmus um.

Die Erfindung des Intel-Mikroprozessors 1971 schafft eine neue Generation von Rechnern, die Personal Computer. Bill Gates gründete seine Firma Micro- Soft 1975 und schreibt die ersten Programme für den Personal Computer.

In den 90er Jahren betragen die IT- Ausgaben der Unternehmen bis zu 45% der Gesamtausgaben, fast so viel wie für alle Übrigen Aufwendungen. Carr sieht in dieser Phase der Entwicklung Parallelen zur Geschichte der Stromerzeugung. Wieder fehlen Netze mit der nötigen Bandbreite, um die Informationen nicht nur lokal austauschen zu können. Die vorhandenen Netze der Telekommunikationsunternehmen können nicht ansatzweise die nötige Infrastruktur zur Verfügung stellen.

Erst der große Dotcom Boom in den 90ern sorgt für eine weltweite massive Ausweitung der Netzbandbreiten durch Glasfaserkabel. Eric Schmid, CEO von Google, damals noch bei SUN angestellt, bringt es schon 1993 auf den Punkt: „Wenn das Netzwerk so schnell wie der Prozessor wird, wird der Computer ausgehöhlt und über das Netzwerk verteilt.“

Das Glasfaser- Internet leistet für die Datenverarbeitung dasselbe, was der Wechselstrom für die Elektrizität geleistet hat. Das Netz erhält die Möglichkeit zur Schaffung zentraler Datenverarbeitungsfabriken. Carr sieht diesen Prozess unausweichlich kommen. Das Utility- Zeitalter löst das PC- Zeitalter ab.