Kapitel 10- Ein Spinnennetz

Spinnennetz„Sie haben keine Privatsphäre“, bemerkte Scott McNealy, der frühere Vorstandsvorsitzende von Sun Microsystems schon 1999. „Finden Sie sich damit ab“.

Das Internet ist nicht nur eine Technologie der Emanzipation. Wir können in Echtzeit mit jedem uns über Themen austauschen, die uns interessieren. Der Datenbestand, der uns zur Verfügung steht, ist unvorstellbar. Computersysteme sind genauso Schlüsseltechnologie der Kontrolle, der Überwachung und des Data Minings. Historisch gesehen entwickelte sich nach Carr ein Ungleichgewicht während der Industriellen Revolution. Märkte und Wirtschaftsprozesse dehnten sich räumlich immer weiter aus, doch es fehlte an adäquaten Techniken, um schnell dazu benötigte Informationen zu übermitteln.

Der Aufbau des Telegrafensystems von Samuel Morse ermöglichte ab 1845 die schnelle Übertragung von Informationen. Die Bürokratie erreichte erst in der Spätphase der industriellen Revolution eine Form, die annähernd mit der heutigen Ausprägung vergleichbar war. Die Arbeitsteilung in den Büros von Unternehmen und Behörden analog der Arbeitsteilung in den Fabriken machte eine effiziente Verarbeitung von Informationen erst möglich.

Das Amt für Statistik in den USA sollte 1887 eine neue Volkszählung vorbereiten, obwohl es die Daten der vorigen Volkszählung noch nicht verarbeitet hatte. Die Verarbeitung der anfallenden Informationen war mit den bisher bekannten manuellen Auswertungen nicht mehr zu leisten.In diesem Umfeld arbeitete Hollerith verstärkt an seiner Informationsverarbeitungsmaschine. Holleriths Tabelliermaschine war eine Revolution in der Verarbeitung von Informationen. Die Geschichte der Informationsverarbeitung, von Holleriths Lochkartensystem über die Mainframe Computer bis zu den heutigen Cloudanwendungen lässt sich als fortlaufender Prozess verstehen, Kontrolle wiederzugewinnen und zu erhalten.Der Computer kommt den Bedürfnissen einer bürokratischen Informationsgewinnung perfekt entgegen.

Allerdings haben informationsverarbeitende Maschinen Kontrolle genauso gut unterminiert. In den 80ern installierten viele Mitarbeiter selbst gekaufte PCs in ihren Büros und schufen sich damit Freiräume bei der Informationsverarbeitung. IT-Manager betrachteten damals die Flut von PCs am Arbeitsplatz als „biblische Plage“, wie es der  Historiker Paul Ceruzzi ausdrückte. Die Popularisierung des Internets löste eine ähnliche Kontrollkrise aus. Eine dezentralisierte Struktur des Netzes entzieht sich aber nicht zwangsläufig einer politischen und sozialen Kontrolle. Unternehmen haben festgestellt, dass das Internet die Kontrolle über seine Mitarbeiter stärken kann. Die Grenzen von Raum und Zeit schwinden, wenn eine Mitarbeiterin auch außerhalb der Arbeitszeiten jederzeit mobil erreichbar ist. Der Blackberry ist zum sichtbarsten Symbol der Ausweitung der Unternehmenskontrolle über die MitarbeiterInnen geworden.

Google beginnt mit der mathematischen Auswertung und Modellierung von Mitarbeiterfragebögen, die sie dann bei der Auswahl von Stellenbewerbern einsetzt. Der weitreichendste Einfluss des World Wide Web wird die Optimierung unseres Verhaltens als Konsument sein. Die leistungsstärksten Werkzeuge zur Verarbeitung von Informationen liegen nicht in den Händen der Bürger, sondern in denen von Unternehmen und Regierungen. Fast alles, was wir online machen, wird in der Maschine des World Wide Web aufgezeichnet.

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