Kapitel 8- Die große Zerlegung der Einheiten

InternetmapDie Elektrifizierung beschleunigte die Verbreitung der amerikanischen Massenkultur. Die damaligen hohen Produktionskosten kultureller Güter, einhergehend mit schmalen Vertriebskanälen, (Kinos konnten nur eine begrenzte Anzahl an Filmen zeigen, Buchläden nur eine begrenzte Anzahl an Büchern anbieten und vorhalten) waren laut Carr weniger Ausdruck eines amerikanischen Charakterzuges als das Nebenprodukt wirtschaftlicher und technologischer Kräfte, die die USA anfangs des 20. Jahrhunderts formten.

Die Produktionsbedingungen haben sich heute in den Zeiten des Utility Grid Computing tief gehend geändert. Kulturgüter (Wörter, Bilder und Töne) können digital produziert und vertrieben werden. Wir stehen heute vor einer viel größeren Auswahl als unsere Eltern oder Großeltern. Chris Anderson schreibt: „Früher definierte der populärste Trend unsere Kultur, heute wird unsere Kultur durch eine Million Nischen definiert“. Carr hält dagegen: „Mehr Auswahl bedeutet nicht notwendigerweise eine bessere Auswahl“.

Die veränderten Produktionsbedingungen digitaler Kulturgüter wirken sich bspw. massiv bei den Printmedien aus: Die Zahl der (Papier)-ZeitungsleserInnen sinkt dramatisch, die Werbeeinnahmen durch Anzeigenkunden im Printbereich sinken rapide. Online-Nachrichtenquellen im Web werden vor allem bei Jugendlichen zur Hauptinformationsquelle.

Laut Carr sind elektronische Zeitungen und ihre Online- Pendants nicht mehr vergleichbar. Eine Printzeitung war und ist ein Produkt, das der oder die Herausgeber als gesamtes Paket für eine breite Masse von Lesern und Anzeigenkunden so attraktiv wie möglich machen wollen. Eine Online Zeitung besteht aus ihren modular aufgebauten Nachrichten und Themen, die einzeln für sich angeklickt und aufgerufen werden können. Der ökonomische Wert der Nachrichtenmodule erweist sich für die Produzenten über die Höhe der generierten Werbeanzeigen. Ein Artikel über Depressionen lässt sicher eher eine Anzeige der Pharmaindustrie zu als ein Artikel über Behördenkorruption oder das Wiederaufflammen der Malaria in Afrika.

Ökonomen hingegen begrüßen den modularen Aufbau der Onlineprodukte. Die Konsumenten können endlich nur das kaufen und bezahlen, was sie wollen. Das Wall Street Journal feiert diese Entwicklung. Endlich müsse der Konsument nicht mehr für den Abfall zahlen, um an die guten Inhalte zu kommen. Das Web bietet Raum für beide Entwicklungen: eine reichhaltigere Kultur oder soziale Fragmentierung und kulturelle Armut.