Kapitel 1 – Burdons Wasserrad

Der Fabrikant Eric Burdon baute 1851 neben seinem Eisenwerk im Norden des Staates New York ein 20 Meter hohes und 250 Tonnen schweres Wasserrad. 500 PS erzeugte die Maschine, wenn sie sich mit der ihr möglichen maximalen Drehzahl drehte. Die erzeugte Kraft wurde über Räder, Riemen und Hebel an die Schleifmaschinen, Schmiedehämmer und Drehbänke übertragen. Das riesige Wasserrad verschaffte ihm einen Wettbewerbsvorteil, da er billiger produzierte als seine Konkurrenten. Burdon Iron Works wurde zu einem der Hauptlieferanten von Schienen für die amerikanischen Eisenbahnunternehmen.Fünfzig Jahre später steht das Wasserrad für immer still. Energieversorgungsunternehmen liefern die benötigte Energie über ein dezentrales Netz von Stromleitungen, die privaten Wasserräder, Dampfmaschinen und elektrischen Generatoren sind überflüssig geworden.

Was hat diesen einschneidenden Wandel ermöglicht? Durchbrüche auf den Gebieten der Stromerzeugung und der Stromübertragung. Der wichtigere Grund nach Carr ist aber wirtschaftlicher Natur. Die Stromerzeugung war eine klassische Massenproduktion mit sinkenden Preisen für das angebotene Gut. Die Preise fielen so schnell, dass elektrischer Strom zu einem bezahlbaren Gebrauchsgut wurde. Diese Transformation war so gewaltig, dass wir uns kaum vorstellen können, wie ein Alltagsleben ohne elektrischen Strom aussah.

Carr behauptet, dass wir uns inmitten einer weiteren epochalen Umwälzung befinden. Er vergleicht die Erzeugung von Strom mit der Verarbeitung von Informationen. Firmen-Rechenzentren werden immer mehr von Datenverarbeitungsdiensten im Internet abgelöst. Carr beschreibt die dezentral verfügbare Rechenleistung als Versorgungsgut, Utility.

Gegenwärtig sind Firmen gezwungen, Rechenleistung lokal in ihren Räumen zu produzieren und zur Verfügung zu stellen. Funktionierende  IT-Anwendungen waren und sind ein Wettbewerbsvorteil.

Was ändert sich dramatisch?

Bekannte Unternehmen wie Google oder Amazon bauen riesige Informationsverarbeitungsfabriken, in der englischen Originalausgabe spricht Carr von „information-processing plants“.

Das Verteilernetz sind nicht wie in Burdens Zeitalter die Stromleitungen, sondern die weltweit verlegten Glasfaserleitungen, in denen die Informationen mit Lichtgeschwindigkeit übertragen werden.

Eine Suchanfrage über Google könnte nicht auf unserem Rechner durchgeführt werden, da er die nötigen Ressourcen an Rechenleistung niemals bieten könnte. Eine Suchanfrage an Google bedeutet das Durchforsten von Milliarden gespeicherter und indizierter Webseiten in den Google-Rechenzentren, wo das gerade aktive vernetzte Rechenzentrum physikalisch liegt, ist völlig unerheblich. Wir nutzen einen Dienst in der Cloud. Die Analogie zu einem Energieversorgungsunernehmen liegt nahe, wir wissen auch nicht, wo der Strom produziert wurde, der gerade aus der Steckdose kommt.

Carr zieht in diesem Kapitel weitere Parallelen zwischen Stromerzeugung und Informationstechnologien. Sie fallen unter den Begriff Allzwecktechnologien, haben unter diesen aber noch ein besonderes Alleinstellungsmerkmal: Sie können beide über große Distanzen über ein Netzwerk relativ verlustfrei übertragen werden. Sie müssen nicht lokal produziert werden und können die Kosteneinsparungen einer zentralen Massenproduktion in die Waagschale werfen.

Letztlich werden die Einsparungsmöglichkeiten selbst für die größten Unternehmen mit IT-Abteilungen verlockend sein. „Das Grid, das Netzwerk, gewinnt“, schreibt Carr.