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Buchcover Nicholas Carr-Der große Wandel

Nicholas Carr – Der große Wandel

Kap.1: Burdens Wasserrad

Der Fabrikant Eric Burdon baute 1851 neben seinem Eisenwerk im Norden des Staates New York ein 20 Meter hohes und 250 Tonnen schweres Wasserrad. 500 PS erzeugte die Maschine, wenn sie sich mit der ihr möglichen maximalen Drehzahl drehte. Die erzeugte Kraft wurde über Räder, Riemen und Hebel an die Schleifmaschinen, Schmiedehämmer und Drehbänke übertragen. Das riesige Wasserrad verschaffte ihm einen Wettbewerbsvorteil, da er billiger produzierte als seine Konkurrenten. Burdon Iron Works wurde zu einem der Hauptlieferanten von Schienen für die amerikanischen Eisenbahnunternehmen.Fünfzig Jahre später steht das Wasserrad für immer still. Energieversorgungsunternehmen liefern die benötigte Energie über ein dezentrales Netz von Stromleitungen, die privaten Wasserräder, Dampfmaschinen und elektrischen Generatoren sind überflüssig geworden.

Was hat diesen einschneidenden Wandel ermöglicht? Durchbrüche auf den Gebieten der Stromerzeugung und der Stromübertragung. Der wichtigere Grund nach Carr ist aber wirtschaftlicher Natur. Die Stromerzeugung war eine klassische Massenproduktion mit sinkenden Preisen für das angebotene Gut. Die Preise fielen so schnell, dass elektrischer Strom zu einem bezahlbaren Gebrauchsgut wurde. Diese Transformation war so gewaltig, dass wir uns kaum vorstellen können, wie ein Alltagsleben ohne elektrischen Strom aussah.

Carr behauptet, dass wir uns inmitten einer weiteren epochalen Umwälzung befinden. Er vergleicht die Erzeugung von Strom mit der Verarbeitung von Informationen. Firmen-Rechenzentren werden immer mehr von Datenverarbeitungsdiensten im Internet abgelöst. Carr beschreibt die dezentral verfügbare Rechenleistung als Versorgungsgut, Utility.

Gegenwärtig sind Firmen gezwungen, Rechenleistung lokal in ihren Räumen zu produzieren und zur Verfügung zu stellen. Funktionierende  IT-Anwendungen waren und sind ein Wettbewerbsvorteil.

Was ändert sich dramatisch?

Bekannte Unternehmen wie Google oder Amazon bauen riesige Informationsverarbeitungsfabriken, in der englischen Originalausgabe spricht Carr von „information-processing plants“.

Das Verteilernetz sind nicht wie in Burdens Zeitalter die Stromleitungen, sondern die weltweit verlegten Glasfaserleitungen, in denen die Informationen mit Lichtgeschwindigkeit übertragen werden.

Eine Suchanfrage über Google könnte nicht auf unserem Rechner durchgeführt werden, da er die nötigen Ressourcen an Rechenleistung niemals bieten könnte. Eine Suchanfrage an Google bedeutet das Durchforsten von Milliarden gespeicherter und indizierter Webseiten in den Google-Rechenzentren, wo das gerade aktive vernetzte Rechenzentrum physikalisch liegt, ist völlig unerheblich. Wir nutzen einen Dienst in der Cloud. Die Analogie zu einem Energieversorgungsunernehmen liegt nahe, wir wissen auch nicht, wo der Strom produziert wurde, der gerade aus der Steckdose kommt.

Carr zieht in diesem Kapitel weitere Parallelen zwischen Stromerzeugung und Informationstechnologien. Sie fallen unter den Begriff Allzwecktechnologien, haben unter diesen aber noch ein besonderes Alleinstellungsmerkmal: Sie können beide über große Distanzen über ein Netzwerk relativ verlustfrei übertragen werden. Sie müssen nicht lokal produziert werden und können die Kosteneinsparungen einer zentralen Massenproduktion in die Waagschale werfen.

Letztlich werden die Einsparungsmöglichkeiten selbst für die größten Unternehmen mit IT-Abteilungen verlockend sein. „Das Grid, das Netzwerk, gewinnt“, schreibt Carr.

Kap.2: Der Erfinder und sein Verwalter

1878 besichtigt Edison auf einer Reise durch die Rocky Mountains ein Bergwerk am Platte River. Dort schuften Bergarbeiter mit handgetriebenen Bohrern. Edison fragt seine Begleiter, warum die Kraft des Flusses nicht per Elektrizität zu den Männern übertragen werden könne. Nach der Reise gründet Edison die Electric Light Company, um sein Projekt zu finanzieren. 1878 teilt er der Presse mit, dass er Heime und Büros von New York mit Elektrizität versorgen wolle.Edison startet nicht vom Punkt Null. New York hat schon ein funktionierendes Gasbeleuchtungssystem. Licht, Jahrhunderte lang lokal von Kerzen und Öllampen produziert, hat sich schon zu einem zentralisierten Versorgungsgut entwickelt. Edison will die Gasbeleuchtungssysteme durch elektrische ersetzen.Elektrizität ist im Gegensatz zu Gas leichter zu kontrollieren, sicherer und sauberer. Edison selbst bezeichnet das Gaslicht als „Licht des Mittelalters“. Edison macht innerhalb von nur zwei Jahren die zur Verwirklichung seines Planes notwendigen Erfindungen. Er erfindet die Glühbirne, entwickelt leistungsfähigere Generatoren und Messgeräte zur Messung des Stromverbrauches. 1881 stellt Edison in Paris neben einem kleinen funktionsfähigen Modell die Blaupausen für eine erste industriell genutzte Generatorstation vor.

Ein Jahr später geht sie in Betrieb und versorgt einen kompletten Häuserblock mit elektrischem Licht in New York. Edisons Vision besteht in der Ablösung der Gasbeleuchtungssysteme durch vor Ort erzeugte elektrische Energie.

Eine Untersuchung der amerikanischen Statistikbehörde stellt fest, das zu Beginn des 20. Jahrhundertes bereits fünftausend private Elektrokraftwerke in Betrieb sind, hingegen nur dreitausendsechshundert zentrale Versorgungsstationen.

Die Vision, Stromerzeugung in Großkraftwerken zu zentralisieren und über ein nationales Stromnetz zu verteilen, setzt ein späterer Mitarbeiter Edisons, Samuel Insull, in die Wirklichkeit um.

Samuel Insulls Vision einer zentralisierten Stromerzeugung wird unterstützend durch die zeitgleiche Erfindung und Entwicklung geeigneter unterstützender Technologien bzw. Folgetechnologien ermöglicht: Parson baut eine leistungsfähigere Dampfturbine, der Kroate Tesla erfindet den zweiphasigen technischen Generator, der dem Wechselstrom zum Durchbruch verhilft und den weiträumigen Transport von elektrischer Energie über Überlandleitungen erst möglich macht.

Samuel Insulls Vision der zentralisierten Massenerzeugung von elektrischer Energie setzt sich gegen Edisons kleinteilige Stromerzeugung vor Ort aufgrund der niedrigeren Kosten durch. Nachdem Insull große Transportunternehmen als Kunden gewinnen kann, folgen ihm schnell große Herstellungsbetriebe. Das Zeitalter privater Stromkraftwerke ist 1930 vorbei, als über 90 % der erzeugten elektrischen Energie in Großkraftwerken erzeugt werden.

25 Jahre später ist für jede neue Fabrik die zentrale Versorgung mit elektrischer Energie  zur Selbstverständlichkeit geworden.

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